Weihnachten im Osten

Eine meiner ersten Kolumnen, die bei zahlreichen Lesungen immer wieder gern gehört wurde und in meinem zweiten Buch zu finden ist.

Weihnachten war früher im Osten vorgeschrieben, wie überhaupt alles vorgeschrieben war. Als „Weihnachtsabend“ wurde der 24. Dezember festgelegt. Darum war Weihnachten nie schon am 23. oder sogar 22. Dezember, was mich als Kind besonders hart traf.

Selbst der Weihnachtsmann war systemgetreu ausgestattet, natürlich war es ein ROTER! Sowohl Rute als auch Sack, quasi seine Arbeitsmittel, ergaben sich aus dem Namen – WeihnachtsMANN. Im Prinzip war der sozialistische Weihnachtsmann also ein SackTRÄGER, im Unterschied zu den vielen Weihnachtsmännern, die später ständig auf meiner Matte standen und nach meinem Parteieintritt fragten oder den Wunsch nach einem lebenslänglichen freiwilligen Militärdienst fördern wollten. Das waren SackTRETER!!

Zum Glück kam der Weihnachtsmann mit einem Schlitten, denn wenn der auf ein eigenes Auto gewartet hätte, wäre eine ganze Generation ohne Geschenke geblieben. Jedenfalls kam er aus dem ganz hohen Norden, wo es kalt ist und immer Schnee liegt, nämlich aus der Sowjetunion. Natürlich liegt das nicht direkt im Norden, von hier aus gesehen, aber das ist Kleingeisterei, denn Israel war ja für uns auch nie der Nahe Osten!

Der nahe Osten war Polen, und selbst wenn der Weihnachtsmann ein Auto gehabt hätte… Er hätte durch Polen gemusst.

Weihnachten war für mich immer das Fest der Liebe, der Freude und der Besinnung:

Ich liebte Geschenke, freute mich schon vorher darauf und besann mich immer noch rechtzeitig, „Danke“ zu sagen, ehe der Sackträger alles wieder mitnehmen konnte. Ich war nicht gerade ein Freund vom Roten Mann. Da es im Osten ständig NICHTS gab, war es kein Wunder, dass auch die Genossen Weihnachtsmänner nicht für alle Kinder reichten. Darum staunte ich nicht allzu lange, dass dieser Personalmangel durch unseren Nachbarn ausgeglichen wurde.

Unser Nachbar war eigentlich ein netter Kerl, nur als Roter Sackträger machte er dumm und fragte mich blödes Zeug. Es war regelrecht unheimlich, was der alles wusste und ließ nur den Schluss zu, dass meine Eltern alte Petzen waren oder der Nachbar bei der Stasi!

Ich denke, der war bei der Stasi, denn seine Methode war die, aller Diktatoren: Erst drohte er mir mit Strafen, zum Beispiel mit der Rute oder dem Entzug der Geschenke. Wenn er merkte, dass mein Widerstand zu groß war, versuchte er es mit Verlockungen: „Singe und du bekommst dein Geschenk!“  Zuckerbrot und Peitsche!

Neben den Geschenken bekam ich immer einen Naschteller, auf dem außer Süßigkeiten auch ein Apfel, Nüsse und EINE Orange lagen. Diese Dinger sahen aus wie echte Orangen und waren aus Cuba, von unseren damaligen Freunden. Allerdings konnten die Cubaner ihre Freunde scheinbar nicht so sehr leiden.

Im Volksmund hießen die Dinger darum „Fidels letzte Rache“ oder auch „Fidel-Kohlrabi“, weil die beim Essen so schnurbsten…

Positiv betrachtet war den Cubanern eine Züchtung ohne Saft gelungen.

Oder, die Berliner bekamen den Saft… und wir nur die Schale. Andererseits habe ich diese Orange trotzdem als mein kleines Geschenk gesehen, welches mir keiner mehr wegnehmen konnte. Das war meine Orange!

Liebe Eltern: Legt heute euren Kindern eine Orange oder Banane unter den Weihnachtsbaum und sagt stolz, das sei eines der Geschenke… Die kündigen euch sofort den Generationenvertrag auf!!

Im Osten hatte der Weihnachtsbaum einen besonderen Namen, der hieß nämlich immer „Krücke“. In ausgewählten Fällen, hieß der auch mal „alte Krücke“ oder „Strunk“. Nur durch den gezielten Einsatz von kiloweise Lametta, gelang es, diese Art Baum weihnachtlich zu gestalten.

Das war ein Trick, den die Genossen bei der Armee auch einsetzten, wo sie ihre Offiziere mit allerlei Lametta behingen, weshalb wir die gern als „Genossen Weihnachtsbaum“ bezeichneten…

Außer der „Krücke“ gehörte die „geflügelte Jahresendfigur“ zum Fest, welche die Genossen der Partei- und Staatsführung extra dafür erfanden. Sie war das Prunkstück der weihnachtlichen DDR-Symbolik, denn die „Genossen Jahresendfiguren“ bewegten sich immer im Kreis, und damit ständig vorwärts!

Man hatte nur nicht bedacht, dass die sofort aufhören sich zu bewegen, wenn man denen das Licht ausmacht… Übrigens, die heißen zwar jetzt Pyramide, aber das Prinzip ist das selbe.

Im Großen und Ganzen war Weihnachten im Osten auch ein Fest. Man bestellte tonnenweise Stollen, der dann bis Ostern reichen musste. Man kochte, backte, naschte und schaute „Winnetou“, dessen Tod mehr beweint wurde, als der von Breshnew, Andropow und Gromykow zusammen.

Das Beschaffen von Geschenken verlief meistens hart an der Grenze zur Legalität, und irgendwie war es wie heute. Alles drehte sich um die eine Frage: Was schenke ich bloß den Anderen?

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